Magazin Lübecker Bucht - Juni 2026

MAGAZIN LÜBECKER BUCHT 69 WENN FREIHEIT IN DER KITA ZUR HERAUSFORDERUNG WIRD Die Idee klingt erstmal fantastisch: Kin- der sollen sich frei entfalten. Sie sollen aus eigenem Antrieb lernen, eigene Er- fahrungen machen und durch die Freude an der selbstgewählten Tätigkeit wach- sen. Keine starren Strukturen mehr, keine autoritären Vorgaben – stattdessen Selbstbestimmung, Individualität und pä- dagogische Freiheit. Maria Montessori nickt vermutlich irgendwo zustimmend aus dem Jenseits. Auch die Kita unseres Sohnes hat vor Kurzem auf das offene Konzept umgestellt. Und ehrlich: Die Ausstattung ist beeindruckend. Es gibt einen Bastelraum, einen Verkleidungs- raum, einen Spieleraum und sogar eine kleine Bücherei. Die Kinder dürfen selbst entscheiden, wo sie sein möchten. Sie hängen einfach ihr Foto an eine Magnet- wand in dem Raum, in dem sie sich ge- rade aufhalten. Klingt modern, kreativ und irgendwie nach Start-up für Vor- schulkinder. Früher gab es Morgenkreise. Heute finden sie nur noch sporadisch statt – vermutlich spontan, basisdemo- kratisch und abhängig von der kollektiven Tagesenergie der Vierjährigen. Auch das gemeinsame Essen in der Gruppe wurde ersetzt: durch das sogenannte „Kinder- restaurant“. Zwischen 12 und 13 Uhr dür- fen die Kinder dort essen gehen. Wann sie wollen. Oder eben nicht. Das hört sich alles erstmal toll an. Wirklich. Bis man die Praxis erlebt. Als ich meinen Sohn neulich abholte, sah ich den kleinen Tobi. Tobi raste wie von der Tarantel gestochen von Raum zu Raum und hinterließ dabei eine Schneise der Verwüstung. Im Bas- telraum klebte Glitzer an der Wand, im Verkleidungsraum lag ein Piratenhut im Waschbecken, und irgendwo weinte ein Kind, weil ihm offenbar ein Holzlöffel als „Laserschwert“ entwendet worden war. Eine Erzieherin blickte mit jener Mi- schung aus Erschöpfung und pädagogi- scher Gelassenheit ins Leere, die man sonst nur von Bahnmitarbeitern im Schienenersatzverkehr kennt. Natürlich kommen manche Kinder mit dieser Frei- heit wunderbar zurecht. Aber viele eben auch nicht. Denn Überraschung: Nicht jeder Fünfjährige ist ein kleiner Selbst- management-Coach mit ausgeprägter intrinsischer Motivation. Und dann kommt irgendwann die Schule. Das böse Erwachen. Plötzlich gibt es feste Klassen, Sitzordnung und Aufgaben. Da sagt tat- sächlich jemand, wann man essen darf und dass man nicht während des Mathe- matikunterrichts spontan beschließt, lie- ber in die Bücherei zu gehen. Wir haben unseren Sohn deshalb – ein Jahr vor Schulstart – in einem anderen Kindergar- ten angemeldet. Mit festen Gruppen, ge- meinsamen Mahlzeiten und einem Morgenkreis, der tatsächlich jeden Mor- gen stattfindet. Revolutionär, ich weiß. Haben Sie Lust auf einen kleinen platt- deutschen Beitrag? Bitte sehr. Sonny Holst, 93 Jahre alt, schreibt in unregel- mäßigen Abständen für uns kleine Bei- träge zu aktuellen Themen. In diesem geht es um den Sonntagabend, wenn der Kaffeebesuch gegangen ist. Was fängt man an mit der Zeit? Aber lesen Sie selbst. De Sünndagsavend is dor. De Kaffeebe- söök is üm söß na Huus gahn. Nu is Avendbrotstiet. Mütt man överhaupt wedder wat eten? Steihst in de Köök un överleggst. Schast du di nu n’ Schief Swattbrot smeren? Dien Fru wull je wegen den Kalorienöver- schuß gonnix. Neeschierig kickst mal kott in’t Köhlschapp, ach dor is je noch’n Rest Krabbenslat, oh, un wat rüükt dat fien na Kääs, dree verschieden Sorten. Ne, seggt ick to mi, riet di tosamen, hest je graad vör eeneenhalv Stünnen riev Twetschenkauken eten. Mütt nich sien, büst dick nauch. Up’n Weg na de gaude Stuuv kümmst an den Wienstänner vorbi. Oh, dor is je noch in een Buddel n’Sluck Dornfelder binnen bleven vun gistern avend. Dat hool ick jümmer so, dormit dat nich heit, dat ick den Wien buddelwies drink, laat jümmers beten wat in. De Gelegenheit is günstig, wiel dat Eten flach follen is, war ick mi an den Rest Rotwien laven. In de Köök ut’n Wienglas drinken is Luxus, dor reckt ook een utspeulte Kaffeedaß, ook wegen den Corpus delicti. Tau schön, so in de Köök twischendörch in stahn een Sluck Rot- wien snopen! Wat fang ick mit mi nu an? Tiet nauch, geihst gau mal ünner de Dusch. Ünner de Dusch maak ick mi girn Gedanken över de taukamen Wuch un wo ick in de verleden Wuch nich taukamen bün. Männichmal schütt mi wat to Kopp, so tum Bispill düsse plattdüütsche Ko- lumne. Wenn de Baadstuuvspegel beschleit, denn heit dat, dat ick wedder mal verge- ten heff dat Baadstuuvfinster up to maken un tweitens, dat de Duschvörgang sien End hett. Kreislaufmäßig vull up de Hööchte land ich wedder in de Stuuv. Wat liggt an? Bauk lesen? Ne, toeist mal den Glotzkassen ansmieten. Egal wat kümmt un wenn’t noch so dummerhaftig is. In’n Glotzkassen kieken ohn Vörwand, is graad so as ünner de Dusch, dat Pro- gramm plöört so vör sick hen. Wat is dat? Kümmt dor nich wedder so’n lütt Hungergeföhl up? Een Smachter up Knabberkraam? Flink ward ne lütt Schöt- tel fardig maakt. Drööch kann man je ook nich dorbi sitten, stöövt je sünst so. Wat kümmt letzends dorbi ruut? Maaks ‘n Buddel Rotwien up. Wenn de Tagesschau un de Wederbericht dörch is un narms Sport gifft, ward de Kassen utstellt. Mord un Todslag mütt ick mi nich ankieken, wat je jedeen Dag in Överangebot is. Keen Wunner, dat de Verbreken vun Dag to Dag mehr ward. Kann vörkamen, dat ick mit mien Fru noch’n schönen Spaziergang maak, dor hebbt wi mehr vun. Villicht kehrt wi noch ennerwegens in un dröhnt uns een ut, bit wi bettriep sünd. Tau schön so’n Sünndagsavend! BETEN WAT UP PLATT - SÜNNDAGSAVEND Magazin Magazin Kolume pa Sonny!

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